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Welche Fallstricke verhindern erfolgreiche Konfliktgespräche?

Fallstricke in Konfliktgesprächen

Fair ausgetragene Konflikte und für beide Seiten befriedigende Konfliktlösungen vertiefen eine Beziehung. Doch es gibt Fallstricke beim Konfliktlösen, an denen konstruktive Konfliktgespräche scheitern können. Schauen wir uns diese genauer an.

„Konflikte als Chance“ – das ist das Thema der Blogparade von Christina Wenz. Dieser Artikel ist mein Beitrag dazu. Ich freue mich über die Vernetzung und gegenseitige Inspiration.

Zuerst mal möchte ich klären, was wir in diesem Kommunikationskonzept unter einem „Konflikt“ verstehen. Aus meinen Trainings weiß ich, wie oft dieser Begriff anders verstanden wird. In meinen Artikeln definiere ich einen Konflikt folgendermaßen:

Zwei Menschen kommen sich in die Quere, weil sie verschiedene Bedürfnisse haben. Das stellt zunächst mal kein Problem dar, wenn sie nicht aufeinander angewiesen sind und einfach getrennte Wege gehen können, um ihre unterschiedlichen Bedürfnisse zu erfüllen.

Beispiel: Ich frage eine Freundin, ob sie mit mir wandern gehen will. Sie möchte aber lieber baden gehen. So kommen wir nicht zusammen und verbringen den Tag getrennt. Anders ist es, wenn ich mit meinem Partner das Wochenende verbringen möchte und wir können uns nicht einigen, ob wir wandern oder baden gehen. Wenn im Vordergrund der Wunsch von uns beiden steht, etwas gemeinsam zu machen, haben wir einen Konflikt. In diesem Fall einen Bedürfniskonflikt.

Zur Unterscheidung von Bedürfnis- und Wertkonflikten lies hier weiter: Weshalb du Bedürfnis- und Wertkonflikte unterscheiden solltest

Beim Versuch, einen solchen Bedürfniskonflikt zu lösen, gibt es schon den ersten Fallstrick. Hierzu das Beispiel eines Paares, das sich schwer tut, mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen klar zu kommen:

Beispiel: Der Fahrradausflug

Britta und Hannes machen einen Fahrradausflug. Hannes ist gut trainiert und radelt flott voraus. Britta kommt nicht hinterher und ist schon völlig außer Atem.

Britta: „Du radelst viel zu schnell. Ob ich mithalten kann, ist dir anscheinend völlig egal. Du bist wirklich rücksichtslos.“

Hannes: „So langsam durch die Gegend zu zotteln ist wirklich nicht meins. Das macht doch überhaupt keinen Spaß. Ein bisschen mehr könntest du dich schon anstrengen.“

Schon sind die beiden mitten in einem Streit und müssen miteinander klären, wie es weitergehen soll. Dabei haben sie sich schon in den ersten Fallstrick verwickelt.

Fallstrick 1: Vor-schnelle Lösungsideen statt Ausdrücken der Bedürfnisse

Eigentlich wäre der erste Schritt beim Konfliktlösen, wenn jeder sein Bedürfnis klar verständlich ausdrückt. Viele Menschen wissen aber nicht, wie sie ihre Bedürfnisse direkt und unmittelbar ausdrücken können. Stattdessen drücken viele ihre Bedürfnisse indirekt in Form von Anfeindungen und Schuldzuweisungen aus.

Britta sagt zu Hannes: „Du radelst viel zu schnell.“
Klüger und hilfreicher für ihre Verständigung wäre, wenn sie sagen würde: „Mir ist das zu schnell. Ich möchte gern langsamer radeln.“
(Im „Fallstrick 3“ greife ich das Beispiel nochmal auf und sage noch mehr dazu.)

Statt ein Konfliktgespräch damit zu beginnen, welches Bedürfnis ich im Moment nicht befriedigt wird, bringen wir häufig gleich einen Lösungsvorschlag. Dahinter steckt eine gute Absicht. Wieso nicht den Prozess abkürzen und gleich sagen, wie ich mir die Lösung vorstelle? Scheint doch ganz vernünftig. Was soll daran falsch sein, dem anderen zu sagen, was er oder sie ändern soll?

Britta sagt also ihrem schnell vorausradelndem Freund Hannes, nachdem sie ihm Vorwürfe gemacht hat: „Fahr bitte langsamer und nimm mehr Rücksicht auf mich!“

Das ist doch ziemlich klar und unmissverständlich? Wo ist das Problem?

Wenn Britta und Hannes sich gut verstehen und er jetzt einfach tut, was sie sagt, gibt es tatsächlich kein Problem und keinen Konflikt.

Es kann aber gut sein, dass Hannes meint, das Problem liegt bei Britta. Er sagt: „Kannst du nicht etwas Tempo zulegen. Wir wollen doch den See umrunden. Also halte dich ran.“

Die vermeintlich simple Lösungsidee führt zu einer Patt-Situation. Beide reagieren mit Widerstand auf die Verhaltensaufforderung des anderen. Und hier gilt:

Sobald jemand im Widerstand ist, ist er nicht mehr bereit zuzuhören und sich auf ein Konfliktgespräch einzulassen.

Vermeide in einem Konfliktgespräch eine Verhaltensaufforderung – und ganz besonders zu Beginn des Gesprächs. Denn damit weckst du Widerstand bei deinem Gegenüber.

Beispiel: Du möchtest etwas Ruhe

Du möchtest nach einem langen Arbeitstag etwas Ruhe und forderst deinen Sohn auf:

„Mach (endlich) die Musik leiser.“ – Der Sohn reagiert mit Widerstand: „Ich werde andauernd kommandiert.“

Der Sohn empfindet die Verhaltensaufforderung als eine Anweisung. Wie wäre es stattdessen mit dieser Botschaft:

„Ich hatte heute einen anstrengenden Tag und möchte mich etwas ausruhen. Die Musik ist mir zu laut. Ich kann da nicht entspannen.“

Sobald du dein Bedürfnis ausdrückst, steigen deine Chancen, gehört zu werden.

Botschaften, die mit „Du solltest…“, „Kannst du nicht mal…“ oder „Mach endlich…“ beginnen, sind Verhaltensanweisungen und rufen Widerstand hervor.

Ein zweiter Nachteil:

Sobald du ein Konfliktgespräch mit einer Lösungsidee startest, wird der weite Spielraum von Lösungen auf die vorgeschlagene Lösung beschränkt. Ihr diskutiert dann darüber, ob diese Lösung umsetzbar ist. Das Feld möglicher Lösungen wird auf deinen Vorschlag beschränkt.

Der bessere Weg ist, wenn du erst einmal nur deine Situation und deine Bedürfnisse beschreibst. Britta könnte also im Beispiel oben folgende Bedürfnisse ausdrücken:

„Ich kann bei diesem Tempo nicht mithalten. Dabei möchte ich mit dir einen entspannten Ausflug machen und nicht gehetzt hinter dir her radeln.“ – „Ich möchte gern neben dir radeln und mit dir plaudern.“

Wenn Britta konsequent dabei bleibt, ihre Bedürfnisse auszudrücken, entsteht bei Hannes ein innerer Druck, sich eine Lösung einfallen zu lassen. Lass deinem Gegenüber die Chance, eine eigene Lösung zu finden.

Lösungen, die dein Konfliktpartner vorschlägt, haben eine größere Chance, umgesetzt und durchgehalten zu werden.

Siehe hierzu auch: Bedürfnisse in Konfliktsituationen – wieso es wichtig ist, sie auszudrücken

(Wie du ein Konfliktgespräch klüger beginnst mit einer konfrontierenden Ich-Aussage, beschreibe ich in einem anderen Artikel.)

Fallstrick 2: Bloß keine langen Streitgespräche!

Diese Einwände bekomme ich in Seminaren immer wieder zu hören:

„Ich habe keine Zeit für lange Diskussionen. Das bringt doch eh nichts!“
„Bei uns müssen schnell Entscheidungen getroffen werden. Wir können nicht so lange herumlabern.“
„Wozu um den heißen Brei herumreden! Da muss mal Klartext gesprochen werden.“

Die Vorstellung, lange Konfliktgespräche sind destruktiv und wenig erfolgversprechend, ist weit verbreitet. Sie hat eine gewisse Berechtigung. Viele Streitgespräche enden in einem frustrierenden Schlagabtausch, weil viele Menschen nicht wissen, wie sie klug argumentieren können.

Ein faires Konfliktgespräch braucht oft etwas mehr Zeit als eine autoritäre Lösung nach dem Motto „So will ich, dass es gemacht wird!“ Doch der größere Zeitaufwand lohnt sich, denn er führt zu einer langfristig befriedigenderen Lösung.

Wie das geht, findest du hier: Ein faires Konfliktgespräch führen

Fallstrick 3: Der Kampf um richtig und falsch

Zu Beginn meiner Mediations-Ausbildung (Mediation = Konfliktvermittlung) bekam ich folgenden Satz zu hören: „Die Wahrheit hat keinen Platz in der Mediation.“

Diese Aussage hat mich im ersten Moment überrascht. Geht es denn bei der Vermittlung in einem Konflikt nicht um das Finden der Wahrheit?

Es geht in einem Streitgespräch tatsächlich nicht um das Ermitteln einer objektiven Wahrheit. Das Ziel ist die Befriedigung von Bedürfnissen. Und Bedürfnisse sind immer subjektiv.

In Konflikten wird oft darum gekämpft, wer Recht hat und wessen Sichtweise die richtige ist. Doch es gibt in Konflikten kein richtig oder falsch.

Angelpunkt ist die Frage: Welche Bedürfnisse sind hier im Spiel? Wessen Bedürfnis wird nicht befriedigt?

Das Problem in einem Konflikt sind die sich widerstrebenden Bedürfnisse, und dass diese nicht als gleichwertig anerkannt werden.

Naive Streiter sehen ihr eigenes Bedürfnis als richtig an. Ein gegensätzliches Bedürfnis ihres Konfliktpartners und das daraus resultierende Verhalten ist folglich falsch.

Ich greife nochmal das Beispiel von oben auf:

Britta und Hannes beim Fahrradausflug

Britta ist nicht gewohnt, regelmäßig lange Strecken zu radeln und holt ihr Fahrrad nur am Wochenende hervor. Hannes dagegen radelt täglich eine weite Strecke zur Arbeit und zurück und ist deshalb gut trainiert. So haben sie fast zwangsläufig ein Problem, wenn sie einen gemeinsamen Fahrradausflug machen.

Doch keines der beiden Bedürfnisse ist falsch – weder Brittas Wunsch nach einem gemütlichen Ausflug, noch Hannes Wunsch nach einer flotten Tour.

Alle Bedürfnisse sind gleichermaßen gültig und sollten beachtet werden.

Auf dieser Basis können die beiden dann Lösungen überlegen. Vielleicht entscheidet sich Hannes, sich Brittas Tempo anzupassen. Oder sie fahren Abschnitte gemeinsam und dann mal ein Stück getrennt, vereinbaren einen Treffpunkt, kürzen ihre gemeinsame Tour ab. Es gibt viele Lösungen.

Erkenne an, dass Bedürfnisse unterschiedlich sein können. So findet ihr leichter eine Lösung, die alle befriedigt.

Fallstrick 4: Gewinner und Verlierer

Bei einer Konfliktlösung darf es keine Gewinner und Verlierer geben. Nach der Bearbeitung eines Konflikts fühlt sich einer als Gewinner und der andere als Verlierer? In diesem Fall wurde der Konflikt nicht wirklich gelöst, sondern nur verschoben.

Beispiel: Hannes und Britta haben sich darauf geeinigt, den ganzen Tag in Brittas langsamen Tempo zu radeln. Hannes denkt innerlich: „Furchtbar, dieses Rumgezokel.“ Er ist frustriert, hat aber nachgegeben, weil er sieht, dass Britta tatsächlich nicht schneller radeln kann.

So lange die gefundene Lösung einen unbefriedigt lässt, ist es noch keine gute Lösung. Die könnte zum Beispiel so aussehen:

Britta und Hannes vereinbaren, den Ausflug etwas abzukürzen. Britta legt sich am Nachmittag zum Sonnen auf eine Wiese. Hannes macht derweil noch einen schnellen Trip zum nächsten Ort und kommt dann zurück.

Es gibt viele Lösungen, um möglichst alle Bedürfnisse zu befriedigen. So lange eine Person verstimmt ist, ist etwas faul. Kann sein, dass oberflächlich erst einmal Ruhe einkehrt, doch untergründig gärt der Konflikt weiter. Der Verlierer in einem Konflikt wird nach Gelegenheiten Ausschau halten, um sich insgeheim zu rächen.

Beispiel: Rita hat sich durchgesetzt mit ihrem Urlaubswunsch. Sie hat mit Reinhard nicht lange diskutiert, sondern den Urlaub an der Ostsee ziemlich schnell gebucht. Reinhard zahlt ihr das heim, indem er im Urlaub schlechte Laune hat und Rita für das schlechte Wetter verantwortlich macht.

Nimm Hinweise ernst, die anzeigen, dass jemand mit einer Konfliktlösung noch nicht zufrieden ist.

Verhandelt so lange und lasst euch neue kreative Lösungen einfallen, bis jeder voll dahinter steht.

Manchmal gibt es erst einmal nur ein Zwischenergebnis – eine Zw-einigung: „Wir sind uns darüber einig, noch keine Lösung zu haben.“

An der Lösungsfindung muss also noch gearbeitet werden. Das ist oft klüger, als eine schnelle Lösung finden zu wollen. Siehe Fallstrick 2!

Fallstrick 5: Keine Unterscheidung von Bedürfnis- und Wertkonflikt

Ein gefährlicher Fallstrick bei Konfliktgesprächen ist es, wenn du dir nicht im Klaren bist, um welche Art eines Konflikt es sich handelt. Ist es ein Bedürfnis- und ein Wertkonflikt? Es lohnt sich und spart viele unergiebige Diskussionen, wenn du das genau unterscheidest. Denn Bedürfnis- und Wertkonflikte müssen auf verschiedene Weise gelöst werden.

Dich stört das Verhalten einer anderen Person, weil es dich in der Befriedigung eines Bedürfnisses beeinträchtigt? Du möchtest deshalb, dass die Person ihr Verhalten verändert. Es handelt sich hier um einen Bedürfniskonflikt.

Das Beispiel von Britta und Hannes mit dem Fahrradausflug ist ein typischer Bedürfniskonflikt. Beide haben verschiedene Bedürfnisse und sind darauf angewiesen, eine gemeinsame Lösung zu finden. Anderenfalls können sie den Ausflug nicht gemeinsam fortsetzen.

Bei einem Wertkonflikt kommen Menschen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Wertvorstellungen ins Gehege.

Typisch für einen Wertkonflikt ist:
Du fühlst dich durch das Verhalten der anderen Person nicht beeinträchtigt in der Befriedigung deiner Bedürfnisse. Doch du möchtest, dass der andere sein Verhalten verändert, weil du dir Sorgen um sein Wohl machst.

Ich habe oben bei Fallstrick 1 ein Beispiel von Mutter und Sohn gebracht. Der Sohn hört laut Musik und die Mutter möchte gern Ruhe haben. Also klar ein Bedürfniskonflikt!

Anders wäre die Situation, wenn der Sohn die Musik mit Kopfhörern hört und seine Mutter sich sorgt, um er sein Gehör schädigt durch die zu laute Musik. Sie ist selbst nicht beeinträchtigt, möchte aber trotzdem, dass er die Musik leiser stellt. Ein typischer Wertkonflikt!

Wertkonflikte erkennst du leicht daran, dass du bei deinen Gesundheits- und Ordnungsappellen mit Sicherheit Antworten bekommst wie:

„Lass mich in Frieden.“ – „Das ist meine Sache.“ – „Das geht dich nichts an.”

Wertkonflikte und Bedürfniskonflikte müssen auf unterschiedliche Weise angegangen werden.

Siehe hierzu: Weshalb du Bedürfnis- und Wertkonflikte unterscheiden solltest
und Ein faires Konfliktgespräch führen

Wie sich Wertkonflikte lösen lassen, werde ich noch in einem eigenen Artikel beschreiben.

Ich freue mich über deinen Kommentar.