Gllücksbedingungen für deine Partnerschaft

Diese Glücksbedingungen solltest du für eine glückliche Paarbeziehung im Auge behalten

Wie eine Partnerschaft auf Dauer glücklich bleibt, ist eine Frage, die viele Menschen bewegt. In diesem Beitrag erfährst du, welche neun Glücksbedingungen ein Paar- und Beziehungs(er)forscher herausgefunden hat. Wie kannst du deine Partnerschaft lebendig halten?

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade “Wie wichtig sind gute soziale Beziehungen für ein glückliches Leben?” von Axel Maluschka.

Prof. Michael Lukas Moeller hat als Psychoanalytiker an der Uni Frankfurt intensiv die Psychodynamik von Paaren erforscht. Er entwickelte eine Selbsthilfemethode für Paare, das „wesentliche Zwiegespräch“. In seinem Buch „Gelegenheit macht Liebe. Glücksbedingungen in der Partnerschaft“ nennt Moeller neun Punkte, die Paare beachten sollten, damit ihre Beziehung lebendig bleibt. Moeller nennt sie die Big Nine:

1. Werde selbst initiativ

Der erste Schritt: Werde selbst initiativ und gestalte deine Beziehung aktiv selbst. Denn das größte Beziehungsgift sind unausgesprochene stille Erwartungen an den Partner.

Erwarte nicht von deinem Partner, er oder sie soll wissen, was du brauchst oder wonach du dich sehnst, ohne dass du es aussprichst.

Viele wünschen sich solch ein stillschweigendes Verstehen und halten es für ein Zeichen besonderer Harmonie. Die Krux ist: Oft erkennt dein Partner deine insgeheimen Erwartungen nicht. Somit ist die Frustration vorprogrammiert.

Moeller betont hingegen: „Initiative gilt als die oberste Eigenschaft seelischer Gesundheit.“

Es liegt also bei dir, dich aktiv für die Gestaltung eurer Beziehung einzusetzen.

Das muss nicht gleich so ein radikaler Befreiungsschritt sein wie bei Lara & Oliver Horlacher. Die beiden haben ihre gutbezahlten Jobs gekündigt, das Haus, für das sie viele Jahre gespart haben, verkauft und sind in einem Campingbus mit ihren kleinen Kindern auf Reisen gegangen, um mehr Zeit für sich und ihre Familie zu haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen in ihrem Blog: Die Horlachers

So radikal musst du also nicht vorgehen. Schauen wir uns den zweiten Schritt für mehr Beziehungsqualität an.

2. Reserviert euch Zeit zu zweit

Reserviere dir Zeit nur mit deiner Partnerin allein. Moeller meint: „Schaffen wir uns selbst nicht so ein ‚Naturschutzgebiet für die eigene Beziehung‘, dann werden wir eben durch die Verhältnisse verplant.“

Zeit zu zweit kann ein ganzer Abend sein. Wenn ihr Kinder habt, werdet ihr vielleicht schon froh sein, zwei Stunden für euch zu zweit zu haben.

Besonders wichtig ist diese Paar-Zeit gerade dann, wenn ihr meint, keine Zeit zu haben.

Entweder weil einer beruflich sehr gefordert bist. Oder weil ihr kleine Kinder habt, die viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Lasst euch nicht völlig von den alltäglichen Notwendigkeiten vereinnahmen.

Zeit zu zweit muss nicht zwingend ein formelles Zwiegespräch sein. Ein Paar entschied sich dafür, regelmäßig einen Abend ohne Kinder einzuplanen, sich dafür eine Kinderbetreuung zu organisieren und etwas nur zu zweit zu unternehmen – gemeinsam essen, tanzen oder ins Kino zu gehen oder einen längeren Spaziergang zu machen.

Noch mehr wird es eure Beziehung intensivieren, wenn ihr anfangt, regelmäßige Zwiegespräche zu führen.

3. Schafft euch einen störungsfreien Rahmen

Du hast es also geschafft, deinen Partner für die Idee eines wöchentlichen Zwiegesprächs zu gewinnen. Jetzt geht es um die Qualität eurer Begegnung.

Sorge dafür, dass ihr möglichst ungestört seid. Deshalb findet ein solches Gespräch am besten am Abend statt. Telefone aller Art sind ausgeschaltet, Kinder nach Möglichkeit im Bett.

Hier sagt Moeller mehr zu den Regeln für Zwiegespräche.

Ihr könnt auch in einem weniger formellen Rahmen – vielleicht bei einem Spaziergang oder einem Restaurantbesuch – ein wesentliches Gespräch miteinander führen. Allerdings ist es da oft schwieriger, für Störungsfreiheit zu sorgen. Das gute Essen im Restaurant lenkt sicher ab. Auf dem Spaziergang begegnet ihr vielleicht Bekannten und ihr müsst unvermittelt einen Small Talk führen. Ein Zwiegespräch im ungestörten privaten Rahmen geht sicher tiefer.

Im Folgenden geht es nun um die Qualität eurer Kommunikation als Paar.

4. Sprecht mehr über Wesentliches

Die größte Gefahr für eine wachsende Entfremdung in einer Beziehung ist das schweigend nebeneinander Herleben. Wie kannst du dann wissen, was deine Partnerin bewegt, was sie freut oder bekümmert?

Der Mangel an „wesentlichem“ Sprechen, nämlich über das, was jeder erlebt und empfindet, unterscheidet glückliche von unglücklichen Paaren.

Moeller: Alles Gold in einer Beziehung hängt zusammen mit der Selbsterläuterung meiner Wünsche, Phantasien und Entscheidungen.

Er betont: „Glückliche Paare reden von Anbeginn mehr miteinander.“

Claudia Thomas, Psychologin am Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie in München, sieht das genauso:

„In wichtigen Studien hat sich die Kommunikationsfähigkeit als der Faktor mit der höchsten Vorhersagekraft für Qualität und Dauerhaftigkeit einer Beziehung herausgestellt.“

Die beste Übung für wesentliches Sprechen ist das Zwiegespräch nach den Regeln von Moeller. Im regelmäßigen Zwiegesprächen erfahrt ihr mehr über eure Bedürfnisse und könnt Differenzen frühzeitig klären, bevor sie sich zu Konflikten auswachsen.

Die wichtigsten Regeln von Zwiegesprächen

Basis aller Zwiegespräche ist der wechselseitige Dialog, bei dem einer spricht und der Partner schweigend zuhört.

Einer von euch beiden spricht für einen vereinbarten Zeitraum, vielleicht eine Viertelstunde, über alles, was sie oder ihn bewegt, gerade auch in Bezug auf die gemeinsame Beziehung. Der andere hört schweigend zu und gibt keinerlei Kommentare ab. Danach wird gewechselt.

Doch Achtung: Nun sollst du nicht Stellung nehmen zu dem, was dein Partner eben gesagt hat. Denn das kann allzu schnell in Anklagen und Rechtfertigungsversuchen enden. Sprich stattdessen über dein eigenes Erleben und deine innere Wahrheit. Das kann, muss aber nicht zum gleichen Thema sein. Danach wird wieder gewechselt.

Dieser wechselseitige Dialog sollte 90 Minuten nicht überschreiten.

Zwiegespräche sollten keine Nerv-Termine sein, vor denen du am liebsten flüchten möchtest.

Gestaltet sie so, dass ihr beide Lust darauf habt, weil euch diese Gespräche noch mehr miteinander verbinden.

5. Erkennt an, dass ihr als Paar in verschiedenen Wirklichkeiten lebt

Eine große Falle in der Paarbeziehung ist die Erwartung an den Partner, er oder sie müsse genauso fühlen oder eine Situation genauso erleben und interpretieren wie du. Dabei ist die innere Erfahrung von etwas gemeinsam Erlebten aufgrund der eigenen Lebensgeschichte oft sehr verschieden. Was bei einem heftige Emotionen in Gang setzt, lässt den Partner womöglich völlig kalt.

Moeller: „Erst wenn die doppelte Wirklichkeit im Paar von beiden anerkannt wird, setzt die wirkliche Bindung ein.“

Er sieht das als „wesentlichen Reifeschritt eines Paares“.

Ein Beispiel: Annegret und Rupert sind seit 21 Jahren ein Paar und lebten bisher ohne Trauschein zusammen. Annegret beschäftigt zunehmend mehr die Sorge, was wohl wird, wenn Rupert vor ihr sterben sollte. Würde sie dann den bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten können? Sie wünscht sich mehr Absicherung durch ein offizielles Ehebündnis.
Rupert findet eine Heirat völlig unnötig. Was hat der Staat mit seiner Beziehung zu tun? Er macht sich auch über die Zukunft keine Sorgen. Doch er nimmt Annegrets Sorgen ernst. Sie heiraten.

6. Wie sieht es mit der Gleichberechtigung in eurer Beziehung aus?

Brisanter noch ist dieser Punkt: Wie weit geht die Gleichberechtigung in eurem Paar-Alltag? Echte Gleichberechtigung in einer Partnerschaft wird besonders bei der Aufteilung ungeliebter Aufgaben sichtbar – oder auch wenn es um Fragen wie Treue und Seitensprünge geht.

Moeller spricht hier sogar von „Paar-Rassismus“ und sagt:

„Wirkliche Gleichberechtigung bedeutet eine Revolution im Paarleben.“

Siehe hierzu auch den Beitrag: Was ein simpler Test über das Beziehungsglück von Paaren verrät

Bei Gleichberechtigung geht es um die Balance in eurer Partnerschaft. Stimmt zum Beispiel eure Rollenverteilung für jeden von euch?

Wie weit entspricht sie den typischen Rollenmustern?

Wenn ja, fühlst du dich wohl mit der Rolle der Hausfrau und Mutter oder des ausschließlichen „Ernährers“?

Wie weit gelingt euch eine flexible Rollengestaltung oder sogar ein Rollentausch?

7. Stelle eine Balance her zwischen der Zuwendung zu dir selbst und zu deinem Partner/deiner Partnerin

Wie glücklich du in deiner Paarbeziehung bist, ist auch abhängig davon, dass du eine gute Beziehung zu dir selbst hast.

Kennst du deine eigenen Bedürfnisse und sorgst du gut für dich selbst? Unzufriedenheit mit dir selbst und Selbstzweifel beeinflussen eure Beziehung miteinander. Wenn du dich selbst unsicher fühlst, wirst du schneller ärgerlich auf deinen Partner, fühlst dich missverstanden und hast keine Energie übrig, um dich in ihn einzufühlen.

Ein Beispiel für Balance ist das unterschiedliche Bedürfnis nach Nähe und Distanz in eurer Partnerschaft.

Wie viel körperliche Nähe brauchst du und wie müssen die Rückzugsorte aussehen? Brauchst du ein eigenes Zimmer? Möchtest du in einer eigenen Wohnung leben? Wie viel zeitliche Freiräume brauchst du für dein Hobby oder für die Pflege von Freundschaften?

Noch bedeutsamer sind bestimmte Bedürfnisse, die du in deiner Partnerschaft erfüllt bekommen möchtest.

Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel die Klärung des Kinderwunschs. Selbstzuwendung bedeutet, dein eigenes Bedürfnis (nach Kindern oder keinen Kindern) ernst zu nehmen und mit deinem Partner in Zwiegesprächen darüber ausführlich zu sprechen. Vielleicht stellt sich dann heraus, dass ihr in diesem Punkt nicht zusammenkommt. Dann könnte eine Trennung eine kluge Entscheidung sein, um einer dauerhaften Frustration vorzubeugen.

8. Erkennt euer unbewusstes Zusammenspiel

Als Paar solltet ihr euch bewusst sein, dass sich vieles auf unbewusster Ebene abspielt.

Moeller: „Eine Beziehung besteht aus einem Neuntel bewusster Beziehung und acht Neuntel unbewusster Beziehung.“

In eine Paarbeziehung werden immer auch Prägungen aufgrund von Erfahrungen in der Ursprungsfamilie und insbesondere der Geschwisterkonstellation hineinwirken. Gut funktioniert zum Beispiel eine Wiederholung der Konstellation „ältere Schwester – jüngerer Bruder“ oder umgekehrt. Auch das Familien-Nesthäkchen findet später oft wieder eine Partnerin, die gern ihre fürsorgliche Seite auslebt und ihn verwöhnt. So können beide altvertraute Gewohnheitsmuster ausleben. Psychologen nennen diese wechselseitige Abhängigkeit, wenn sie neurotische Züge hat, symbiotische Beziehung oder Kollusion. Häufig bleibt hier jedoch die Erotik auf der Strecke. Eine Hilfe kann sein, wenn ihr das als Paar bewusst in euren Zwiegesprächen ins Bewusstsein bringt und bearbeitet.

9. Geht Konflikten nicht aus dem Weg

Konfliktlosigkeit gibt es in Paarbeziehungen nicht. Moeller drückt es auf seine etwas abstrahierende Weise so aus: Jede Paarbeziehung ist ein „problemproduzierendes Verfahren“.

Damit eure Paarbeziehung von Dauer ist, braucht ihr die Fähigkeit, konstruktiv mit Konflikten umzugehen.

Ein Konfliktbeispiel: „Die Linde muss weg“

In einem meiner Seminar brachte ein Paar folgendes Konfliktthema zur Sprache: Sie konnten sich nicht einigen, was mit einer Linde, die in ihrem Garten nahe der Terrasse stand, geschehen sollte.

Die Frau sagte: „Die Linde steht zu nahe am Haus. Die Terrasse ist ständig schmutzig durch das fallende Laub. Sie muss weg!“

Ihr Mann meinte: „Man kann doch nicht einfach einen Baum umsägen, bloß weil er etwas Laub abwirft.“

Keiner der beiden war bereit, die Sichtweise des anderen auch nur ansatzweise anzuerkennen und nachzuvollziehen.

Das Anerkennen der Sichtweise des Partners (nicht die Zustimmung) ist die Basis, auf der eine Konfliktlösung erst möglich wird.

So lange du die Sichtweise des anderen als absurd und idiotisch ansiehst, wird er darum kämpfen, dass sein Standpunkt gewürdigt wird. So lange beide sich bekämpfen, ist kein Raum, sich mögliche kreative Lösungen zu überlegen, die beide zufriedenstellen.

Dabei wäre eine Lösung dieses Konfliktes so einfach. Der Mann könnte zum Beispiel erklären: „Gut, ich übernehme künftig die Reinigung der Terrasse und räume das Laub regelmäßig weg.“

Mehr zum Thema Konflikte lösen hier auf meiner Webseite: Ein faires Konfliktgespräch führen

Eine Partnerschaft glücklich zu gestalten, ist eine große Herausforderung, aber auch ein Superlernfeld für die eigene Entwicklung. Behaltet die Glücksbedingungen im Auge und lasst es euch miteinander gut gehen.

Ich freue mich über deinen Kommentar.

Literatur

Michael L. Moeller: „Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch“

Roland Kopp-Wichmann: „12 Anzeichen, dass Ihre Beziehung in Gefahr ist“

5 Kommentare
  1. Axel sagte:

    Liebe Karin,

    vielen Dank für deinen Beitrag zur Blogparade.

    Hinter vielen genannten Punkten steht der Versuch, dem Partner gegenüber möglichst offen zu sein. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn ich erst einmal vor mir selbst meine Werte und Wünsche eingestehe.

    Meiner Erfahrung nach verurteilen sich die meisten Menschen selbst für einige eigene Wünsche, weil ihr Wertesystem diese nicht zulässt. Bestes Beispiel ist der normale Wunsch, nach einiger Zeit sexuelle Abwechslung zu erleben. Da viele Menschen eine romantische und verklemmte Sexualmoral pflegen, beschäftigen sie sich mit ihren sexuellen Wünschen nicht. Das führt zu Frust und/oder (Selbst)-Betrug.

    Einen Punkt möchte ich noch ergänzen: (den hatte ich auch schon einmal im Blogparaden-Beitrag angesprochen)

    Es kommt darauf an, wie Paare gute Nachrichten teilen. Durchleben sie die gute Zeit gemeinsam noch einmal? Oder meckert einer bzw. ist desinteressiert?

    Danke für deinen Beitrag. Du siehst, er reizt mich, weiter darüber nachzudenken. 😀

    Viele liebe Grüße

    Axel

    Antworten
    • Karin Mager sagte:

      Lieber Axel,

      ich freue mich über deine Gedanken zu dem Artikel. Dadurch kann ich gleich noch einen Punkt mehr verdeutlichen.

      Ich stimme dir zu, sich selbst seine Werte und Wünsche einzugestehen, ist schon mal eine wichtige Basis für eine gute Paarbeziehung.
      Der nächste Schritt wäre dann Punkt 4, also miteinander über die eigenen Wünsche „wesentlich zu sprechen“ und dabei Punkt 5 „Anerkennen der doppelten Wirklichkeit“ nicht aus dem Auge zu verlieren. Und nun wird es spannend:

      Die doppelte Wirklichkeit anzuerkennen, also abweichende oder gegensätzliche Werte und Wünsche des Partners, würde bedeuten, auf jede Form von Abwertung zu verzichten. Abwertende Formulierungen sind beispielsweise „normaler Wunsch“ und „romantische und verklemmte Sexualmoral“. An diesem Punkt müssen manche erst einmal durchatmen. Was, das soll abwertend sein??
      Doch mit solchen Begriffen werten wir, und meist ist es eine Abwertung andersartiger Bedürfnisse: Ich selbst mit meinem Bedürfnis nach sexueller Abwechslung bin „normal“. Der andere mit seinem Bedürfnis nach Treue ist „verklemmt“ und hat merkwürdig „romantische“ Vorstellungen.

      Beide Bedürfnisse – Treue und Wunsch nach sexueller Abwechslung – sind total okay. Die Frage ist, ob sich diese unterschiedlichen Bedürfnisse in einer Beziehung vereinbaren lassen und das Paar einen Weg findet, das so zu leben, dass beide sich wohl fühlen. Da wären dann Punkt 6 „Wirkliche Gleichberechtigung“ und Punkt 9 „Konfliktfähigkeit“ gefordert.

      In meiner letzten Beziehung ging es genau um dieses Thema. Wir haben uns sehr schnell getrennt, weil ich mir im Unterschied zu meinen früheren Beziehungen meines Bedürfnisses nach Treue sehr viel mehr bewusst bin. Letztendlich werden die Paare miteinander glücklich, die möglichst viele Werte und Bedürfnisse teilen.

      Herzlichst, Karin

  2. Axel sagte:

    Liebe Karin,

    zunächst war ich versucht, dir teilweise Recht zu geben: das Wort „verklemmt“ in meinem Kommentar klingt tatsächlich (für viele Menschen) abwertend. Insofern dient es nicht dazu, potenzielle Konflikte frühzeitig zu entschärfen und zu lösen. 😉

    Mein Problem ist nur: So wie ich es geschrieben habe, empfinde ich es. (Die Sexualforschung bestätigt mein Empfinden zunehmend. Der Mensch scheint nicht von Natur aus sexuell monogam zu sein.)

    Nun möchte ich hier keine Diskussion zur Sexualmoral beginnen. Das können und sollen Paare unter sich ausmachen. 😉

    Doch meine gewählten Wörter zerpflücke ich einmal:

    1) „normaler Wunsch“: Die Statistik sagt, dass der Wunsch nach sexueller Abwechslung der Norm entspricht. Zumindest nach spätestens 2-3 Jahren Beziehung mit einem Partner. Das Wort „normal“ ist eventuell etwas unglücklich gewählt, weil es impliziert, dass Menschen ohne den Wunsch nach Abwechslung unnormal seien. Und viele Menschen wollen gern normal sein. Dazu gehören.

    In meiner Welt ist „unnormal“ ein Kompliment. 🙂

    Ich finde meine Wörter letztlich gut gewählt, weil sie aufwühlen und ich sie belegen kann.

    Und ich bin der Überzeugung, dass jeder gesunde Mensch den Wunsch nach sexueller Abwechslung in sich trägt. Die meisten unterdrücken ihn nur. Und das führt zu inneren Konflikten.

    2) „romantische und verklemmte Sexualmoral“: Die romantische Liebe ist eine Überhöhung der Dichter.

    Ich habe selbst sehr starke Liebe erlebt. Auch Liebe auf den ersten Blick. All das gibt es. Doch viele Menschen gehen sehr verkrampft und mit viel zu hohen Erwartungen an eine neue Partnerschaft heran. Sie wollen das gerade Beschriebene und eher selten Auftretende möglichst immer haben.

    Meist muss Liebe wachsen. Am Anfang sind Menschen (nur) geil aufeinander. Dass mehr als sexuelle Anziehung vorhanden ist, reden sich viele Leute gerne ein. Dabei kennen sie einander zu Beginn überhaupt nicht!

    „Verklemmt“ meint hier ein Eingestehen dieser Wahrheit.

    Wenn du das Wort nicht als Eigenschaft einer Charakters siehst, sondern in seiner wörtlichen Bedeutung, so sagt es aus, dass sich ein Wunsch oder ein Bedürfnis verklemmt haben und nicht weiter nach oben steigen. Oder sehe ich das falsch?

    Die Frage ist für mich: Was mache ich, wenn ich einen Partner habe, der in wesentlichen Bereichen ein anderes Wertesystem hat als ich?

    Entscheidend ist in meinen Augen tatsächlich der Respekt. Ich kann den Wert des anderen respektieren, ohne ihn anzunehmen. Und als Paar sollte man tatsächlich klären, ob die wichtigsten Werte übereinstimmen.

    Zu den Werten kann ich sagen: für mich ist ein Wert dann sinnvoll, wenn er zu meinem Glück beiträgt, ohne das Glück anderer zu schmälern. Ich lerne von glücklichen Menschen und Paaren und schaue mir deren Wertesysteme an. Werte, die unglücklich machen, werfe ich über Bord. Auch wenn’s manchmal sehr schwer ist und sogar weh tut.

    Zum Abwerten: Das machen wir Menschen automatisch. Wir bewerten jeden Tag. Und als Maßstab kann nur unser eigenes Wertesystem dienen.

    Jetzt wird es kritisch: Die Kunst eines guten Abwertens liegt darin, nur den einzelnen Wert zu betrachten. Niemals den Menschen und sein Wertesystem insgesamt.

    Ein Beispiel: Meiner Erfahrung nach macht der Wunsch nach sexueller Treue unglücklich. Unter dem Aspekt des Glücks werte ich demnach diesen Wunsch ab. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich Menschen mit diesem Wunsch abwerte. Ihnen begegne ich weiterhin mit Respekt. Und niemals verächtlich!

    Letzteres ist der Tod jeder Beziehung. Und das kann keiner wollen. Wir wollen vielmehr glückliche und bereichernde Beziehungen. Und die wünsche ich jedem.

    Viele liebe Grüße

    Axel

    Antworten
    • Karin Mager sagte:

      Lieber Axel,

      dein ausführlicher Kommentar freut mich sehr. Und vor allem dein Resümee, das du schlussendlich ziehst: Dass du Menschen, die den Wunsch nach sexueller Treue haben, mit Respekt begegnest, auch wenn du meinst: „Meiner Erfahrung nach macht der Wunsch nach sexueller Treue unglücklich.“ – So können wir gut miteinander auskommen, auch wenn wir besser kein Liebespaare werden sollten. 😉

      Vielen Dank, dass ich bei deiner Blogparade dabei sein durfte.

      Lieben Gruß, Karin

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